Gesundheit

Anionenlücke berechnen: Formel, Beispiel und Albuminkorrektur

6 Min. Lesezeit

Die Anionenlücke ist die Differenz zwischen den gemessenen Kationen und Anionen im Blut: Natrium minus (Chlorid plus Bikarbonat). Sie zeigt an, ob im Serum ungemessene Anionen vorhanden sind, etwa Laktat, Ketonkörper oder toxische Metaboliten, und ist damit ein zentraler Baustein bei der Einordnung einer metabolischen Azidose. Eine unauffällige Anionenlücke schließt eine Azidose aber nicht aus, dazu unten mehr.

Die Formel

Anionenlücke = Na⁺ − (Cl⁻ + HCO₃⁻)

Manche Labore beziehen Kalium mit ein: (Na⁺ + K⁺) − (Cl⁻ + HCO₃⁻). Alle Werte werden in mmol/L angegeben, was für diese einwertigen Ionen deckungsgleich mit mEq/L ist.

Der Referenzbereich hängt davon ab, welche Formel das jeweilige Labor verwendet:

  • Ohne Kalium: etwa 3 bis 11 mmol/L
  • Mit Kalium: etwa 7 bis 16 mmol/L

Die genauen Grenzen schwanken von Labor zu Labor, weil sie von der jeweiligen Methode der Chloridmessung abhängen. Wer einen Wert beurteilt, sollte deshalb immer nachsehen, welchen Referenzbereich das eigene Labor angibt, statt einen Bereich aus einem anderen Kontext zu übernehmen.

Warum Albumin die Lücke verzerrt

Albumin ist das mengenmäßig wichtigste ungemessene Anion im Blut. Die Standardformel erfasst es nicht, weshalb ein niedriges Albumin die rohe Anionenlücke künstlich absenkt, unabhängig davon, was mit Laktat, Ketonen oder anderen Säuren gerade passiert. Bei Intensivpatienten und bei Patienten mit Leberzirrhose, die häufig eine Hypoalbuminämie haben, kann das eine tatsächlich erhöhte Lücke rechnerisch verstecken. Die Korrekturformel gleicht das aus:

Korrigierte Anionenlücke = Gemessene Anionenlücke + 2,5 × (4,0 − Albumin in g/dL)

Jedes g/dL, das das Albumin unter 4,0 liegt, zieht 2,5 mmol/L von der scheinbaren Lücke ab, die die Korrektur wieder hinzurechnet.

Zwei Rechenbeispiele

Die folgenden zwei Fälle zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Formel bei normalem und bei niedrigem Albumin ausfällt.

Fall 1: eindeutig erhöhte Lücke. Na 140, Cl 100, HCO₃ 10 mmol/L, Albumin normal bei 4,0 g/dL.

Lücke = 140 − (100 + 10) = 30 mmol/L

Ein Wert von 30 liegt weit über dem Normbereich von etwa 3 bis 11 und passt zu einer metabolischen Azidose mit hoher Anionenlücke, etwa bei diabetischer Ketoazidose, Laktatazidose oder einer toxischen Einnahme. Da das Albumin hier normal ist, braucht dieser Fall keine Korrektur.

Fall 2: die versteckte Azidose. Na 138, Cl 106, HCO₃ 20 mmol/L, Albumin niedrig bei 1,5 g/dL, etwa bei einem kritisch kranken oder zirrhotischen Patienten.

Rohe Lücke = 138 − (106 + 20) = 12 mmol/L

Auf den ersten Blick wirkt das nur leicht erhöht bis fast normal. Mit der Albuminkorrektur ändert sich das Bild:

Korrigierte Lücke = 12 + 2,5 × (4,0 − 1,5) = 12 + 6,25 = 18,25 mmol/L

FallNaClHCO₃AlbuminRohe LückeKorrigierte LückeBefund
1140100104,0 g/dL30 mmol/L30 mmol/Ldeutlich erhöht
2138106201,5 g/dL12 mmol/L18,25 mmol/Lnach Korrektur deutlich erhöht

Der zweite Fall ist der lehrreiche: Die rohe Lücke von 12 sieht kaum auffällig aus, doch nach Korrektur liegt sie bei 18,25 mmol/L und damit klar erhöht. Wer bei einem hypoalbuminämischen Patienten die Korrektur auslässt, riskiert genau deshalb, eine echte zugrunde liegende Azidose zu übersehen.

Berechne es mit deinen eigenen Werten

Statt Natrium, Chlorid, Bikarbonat und Albumin von Hand zu verrechnen, lässt sich die Anionenlücke direkt hier eingeben, inklusive automatischer Albuminkorrektur.

mmol/L
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g/dL
Anionenlücke
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Dieser Rechner dient nur als Bildungsreferenz. Er ersetzt weder das klinische Urteil noch einen validierten Laborbefund. Eine erhöhte Anionenlücke deutet auf eine metabolische Azidose hin, doch Differentialdiagnose und Therapie hängen vom gesamten klinischen Bild ab, und eine Hypalbuminämie senkt die gemessene Lücke.
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Ursachen und Grenzfälle

Erhöhte Anionenlücke

Eine erhöhte Lücke entsteht durch ungemessene Anionen im Blut. Das Merkwort MUDPILES fasst die klassischen Ursachen zusammen: Methanol, Urämie, diabetische Ketoazidose, Propylenglykol, Eisen oder Isoniazid, Laktatazidose, Ethylenglykol und Salicylate.

Metabolische Azidose mit normaler Lücke

Eine normale Anionenlücke schließt eine metabolische Azidose nicht aus. Es gibt eine eigenständige Kategorie, die hyperchlorämische oder Azidose mit normaler Lücke, bei der der Bikarbonatverlust durch einen Anstieg des Chlorids ausgeglichen wird. Typische Ursachen sind Durchfall, renale tubuläre Azidose (RTA), Verluste über eine Ileostomie und Carboanhydrasehemmer. Besteht klinisch der Verdacht auf eine metabolische Azidose, aber die Anionenlücke ist normal, sollte direkt das Bikarbonat beziehungsweise die Blutgasanalyse geprüft werden, statt aus der normalen Lücke fälschlich auf einen normalen Säure-Basen-Haushalt zu schließen.

Niedrige Anionenlücke

Eine niedrige Lücke ist seltener, hat aber eigene Ursachen: Hypoalbuminämie ist der häufigste Grund für eine niedrige oder fälschlich normale Lücke, dazu kommen multiples Myelom beziehungsweise Paraproteinämie, Lithiumtoxizität, Bromidintoxikation und schlicht Labor- oder Gerätefehler.

Häufige Fehler in der Praxis

  1. Die Albuminkorrektur auslassen. Bei Intensivpatienten, bei Leberzirrhose oder bei Mangelernährung mit niedrigem Albumin führt das dazu, eine tatsächlich erhöhte Lücke zu übersehen, wie im zweiten Beispiel oben.
  2. Den Referenzbereich des eigenen Labors nicht kennen. Wer nicht weiß, ob das Labor Kalium einbezieht (Bereich etwa 3 bis 11 versus 7 bis 16 mmol/L), ordnet einen Wert leicht falsch ein.
  3. Die Anionenlücke als Diagnose statt als Hinweis behandeln. Eine erhöhte Lücke benennt keine Ursache von selbst, sie verlangt eine gezielte Abklärung entlang MUDPILES.
  4. Eine normale Lücke mit einem normalen Säure-Basen-Haushalt gleichsetzen. Die Azidose mit normaler Lücke (hyperchlorämisch) ist eine reale, eigenständige Kategorie und keine Ausnahme.

Häufig gestellte Fragen

Was ist eine normale Anionenlücke?

Ohne Kalium liegt der Normbereich bei etwa 3 bis 11 mmol/L, mit Kalium einbezogen bei etwa 7 bis 16 mmol/L. Die genauen Grenzwerte hängen vom jeweiligen Labor und seiner Chloridmessmethode ab.

Warum beeinflusst niedriges Albumin die Anionenlücke, und wie korrigiert man das?

Albumin ist das wichtigste ungemessene Anion im Blut, das die Standardformel nicht erfasst. Ein niedriges Albumin senkt die rohe Lücke deshalb künstlich ab. Die Korrektur addiert 2,5 mmol/L für jedes g/dL, das das Albumin unter 4,0 g/dL liegt: korrigierte Lücke = gemessene Lücke + 2,5 × (4,0 − Albumin).

Was verursacht eine erhöhte Anionenlücke?

Ungemessene Anionen im Blut, klassisch zusammengefasst im Merkwort MUDPILES: Methanol, Urämie, diabetische Ketoazidose, Propylenglykol, Eisen oder Isoniazid, Laktatazidose, Ethylenglykol und Salicylate.

Schließt eine normale Anionenlücke eine metabolische Azidose aus?

Nein. Es gibt eine eigenständige Kategorie, die metabolische Azidose mit normaler Lücke, auch hyperchlorämisch genannt, bei der ein Bikarbonatverlust durch einen Chloridanstieg ausgeglichen wird, etwa bei Durchfall, renaler tubulärer Azidose, Ileostomieverlusten oder durch Carboanhydrasehemmer. Bei klinischem Verdacht auf eine Azidose sollte trotz normaler Lücke das Bikarbonat direkt geprüft werden.

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