Gesundheit

Wie der Wells-Score für TVT funktioniert: Kriterien und Auswertung

7 Min. Lesezeit

Der Wells-Score für die tiefe Venenthrombose (TVT) summiert zehn klinische Kriterien zu einer einzigen Punktzahl. Neun davon geben je einen Punkt, das zehnte zieht zwei Punkte ab. Ab einem Gesamtwert von 2 gilt eine TVT als wahrscheinlich, darunter als unwahrscheinlich. Der Score ersetzt keine Bildgebung, sondern schätzt die Vortestwahrscheinlichkeit und legt fest, welche Untersuchung als Nächstes sinnvoll ist.

Genau dieser letzte Punkt wird oft übersehen. Der Wells-Score ist kein Test, der eine Thrombose beweist oder ausschließt, sondern ein strukturiertes Werkzeug, das die klinische Einschätzung in eine reproduzierbare Zahl überführt. Sein Nutzen liegt darin, die Bauchgefühl-Einschätzung einer erfahrenen Ärztin und eines Berufsanfängers auf denselben nachvollziehbaren Nenner zu bringen und dadurch sowohl überflüssige Untersuchungen als auch übersehene Thrombosen zu vermeiden. Dieser Artikel geht die zehn Kriterien einzeln durch, erklärt das abgezogene Item, zeigt eine vollständige Beispielrechnung und ordnet das Ergebnis in den diagnostischen Ablauf ein.

Die zehn Kriterien im Überblick

Die folgende Tabelle listet alle zehn Punkte mit ihrer jeweiligen Wertung. Man geht sie der Reihe nach durch und addiert die zutreffenden Werte.

KriteriumPunkte
Aktives Karzinom (Behandlung innerhalb der letzten 6 Monate oder palliativ)+1
Lähmung, Parese oder kürzliche Gipsruhigstellung des Beins+1
Bettlägerigkeit ≥ 3 Tage oder große OP innerhalb der letzten 12 Wochen+1
Lokalisierter Druckschmerz entlang der tiefen Venen+1
Gesamtes Bein geschwollen+1
Wadenumfang > 3 cm größer als Gegenseite (gemessen 10 cm unterhalb der Tuberositas tibiae)+1
Eindrückbares Ödem am symptomatischen Bein+1
Kollaterale (nicht variköse) oberflächliche Venen+1
Früher dokumentierte TVT+1
Alternative Diagnose mindestens so wahrscheinlich wie eine TVT−2

Wichtig sind zwei Details bei der Messung. Der Wadenumfang wird nicht geschätzt, sondern mit dem Maßband bestimmt, und zwar exakt 10 cm unterhalb der Tuberositas tibiae im Seitenvergleich. Und das aktive Karzinom zählt nur, wenn die Behandlung aktuell läuft, in den letzten sechs Monaten stattfand oder palliativ erfolgt, nicht bei einer vor Jahren ausgeheilten Tumorerkrankung.

Warum ein Kriterium zwei Punkte abzieht

Neun der zehn Kriterien sprechen für eine TVT und erhöhen deshalb den Score. Das zehnte Kriterium fragt das Gegenteil: Gibt es eine alternative Diagnose, die die Beschwerden mindestens so gut erklärt wie eine Thrombose? Typische Beispiele sind eine Muskelzerrung, eine oberflächliche Venenentzündung, ein Erysipel, eine Baker-Zyste oder ein Lymphödem.

Wenn eine solche Alternative genauso plausibel ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer TVT deutlich. Deshalb werden hier zwei Punkte abgezogen statt einer addiert. Der Abzug hat spürbares Gewicht: Ein Patient mit zwei positiven Kriterien landet rechnerisch bei 2 und damit im Bereich wahrscheinlich, doch sobald eine überzeugende Alternativdiagnose vorliegt, fällt der Score auf 0 und die Einordnung kippt zu unwahrscheinlich. Der niedrigste überhaupt mögliche Wert liegt bei −2, wenn ausschließlich dieses Kriterium zutrifft.

Beispielrechnung

Ein konkreter Fall macht die Auswertung greifbar. Angenommen, eine Patientin stellt sich mit einem geschwollenen Bein vor und weist folgende Befunde auf:

KriteriumWertung
Aktives Karzinom+1
Gesamtes Bein geschwollen+1
Wadenumfang > 3 cm größer als Gegenseite+1
Lokalisierter Druckschmerz entlang der tiefen Venen+1
Keine plausible alternative Diagnose0
Gesamt4

Das Ergebnis liegt bei 4 Punkten. Damit ist die TVT nach dem Zwei-Stufen-Modell wahrscheinlich und im älteren Drei-Stufen-Modell hochwahrscheinlich. Der nächste Schritt ist keine Laboruntersuchung, sondern die Kompressionssonografie der Beinvenen. Hätte dieselbe Patientin zusätzlich eine überzeugende Baker-Zyste als Erklärung, würden zwei Punkte abgezogen und der Score fiele auf 2. Er bliebe damit im wahrscheinlichen Bereich, die Bildgebung wäre also weiterhin angezeigt. Das zeigt, wie stark einzelne Kriterien die Gesamteinordnung verschieben können.

Mit eigenen Werten berechnen

Statt die Punkte im Kopf zu addieren, lässt sich der Score direkt hier ausfüllen. Der Rechner setzt das abgezogene Kriterium automatisch korrekt an und zeigt die Einordnung an.

Wells-Score (TVT)
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Dieser Rechner dient nur als Bildungsreferenz. Er ersetzt weder das klinische Urteil noch einen diagnostischen Pfad. Ein Score von unwahrscheinlicher TVT wird meist mit einem D-Dimer kombiniert, und zur Bestätigung oder zum Ausschluss der Thrombose ist Bildgebung nötig. Deuten Sie den Wert im gesamten klinischen Kontext.
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Zwei Stufen oder drei Stufen

Der Wells-Score kann in zwei unterschiedlichen Skalen ausgewertet werden. Das aktuell gebräuchliche Zwei-Stufen-Modell teilt Patienten in wahrscheinlich und unwahrscheinlich ein. Das ältere Drei-Stufen-Modell kennt zusätzlich eine mittlere Kategorie.

ModellPunktzahlEinordnung
Zwei Stufen≥ 2TVT wahrscheinlich
Zwei Stufen< 2TVT unwahrscheinlich
Drei Stufen0niedrige Wahrscheinlichkeit
Drei Stufen1–2mittlere Wahrscheinlichkeit
Drei Stufen≥ 3hohe Wahrscheinlichkeit

Aus der Einordnung ergibt sich der weitere Ablauf. Bei einem unwahrscheinlichen Befund (< 2) folgt eine D-Dimer-Bestimmung. Ist dieser Wert negativ, gilt eine TVT als ausgeschlossen und es braucht keine Bildgebung. Ist er positiv, schließt sich eine Kompressionssonografie an, denn ein erhöhtes D-Dimer ist unspezifisch und tritt auch bei Entzündungen, nach Operationen oder in der Schwangerschaft auf. Bei einem wahrscheinlichen Befund (≥ 2) reicht ein D-Dimer allein nicht aus, hier ist die Kompressionssonografie von vornherein das Mittel der Wahl.

Der Grund für diese Zweiteilung liegt in der Aussagekraft des D-Dimers. Der Test hat einen hohen negativen Vorhersagewert und eignet sich gut, um bei niedriger Vortestwahrscheinlichkeit eine TVT sicher auszuschließen. Bei hoher Vortestwahrscheinlichkeit sinkt diese Sicherheit jedoch so weit, dass ein negatives Ergebnis die Thrombose nicht mehr verlässlich ausschließt. Der Score steuert damit gezielt, welche Untersuchung als Nächstes ansteht, und verhindert sowohl unnötige Bildgebung als auch das voreilige Ausschließen einer Thrombose.

Häufige Fehler

In der Praxis führen vier Fehler immer wieder zu falschen Ergebnissen:

  1. Das abgezogene Kriterium vergessen. Wer nur die positiven Punkte addiert und die alternative Diagnose ignoriert, überschätzt die Wahrscheinlichkeit systematisch. Der Abzug von zwei Punkten gehört zwingend in die Rechnung.
  2. Negatives D-Dimer beim wahrscheinlichen Patienten. Ein Score von 2 oder mehr wird nicht durch ein negatives D-Dimer entwarnt. In dieser Gruppe ist die Kompressionssonografie erforderlich, ein negativer Laborwert schließt die TVT hier nicht sicher aus.
  3. Verwechslung mit dem Wells-Score für die LAE. Für die Lungenarterienembolie (LAE) existiert ein eigener Wells-Score mit anderen Kriterien und anderer Punktverteilung. Die beiden Scores sind nicht austauschbar.
  4. Den Wadenumfang schätzen statt messen. Das Kriterium fordert eine Differenz von mehr als 3 cm im Seitenvergleich, gemessen 10 cm unterhalb der Tuberositas tibiae. Ein geschätzter Wert ist unzuverlässig und verfälscht den Score.

Häufige Fragen

Ab welchem Wert gilt eine TVT als wahrscheinlich?

Im aktuellen Zwei-Stufen-Modell ist eine TVT ab einem Score von 2 wahrscheinlich, bei weniger als 2 unwahrscheinlich. Im älteren Drei-Stufen-Modell steht 0 für niedrige, 1 bis 2 für mittlere und 3 oder mehr für hohe Wahrscheinlichkeit.

Was ist der niedrigste mögliche Wert?

Der niedrigste mögliche Wert beträgt −2. Er entsteht, wenn ausschließlich das Kriterium der alternativen Diagnose zutrifft, das zwei Punkte abzieht, und kein einziges der neun positiven Kriterien erfüllt ist.

Ist der Wells-Score für TVT derselbe wie für die Lungenembolie?

Nein. Für die Lungenarterienembolie gibt es einen eigenen Wells-Score mit anderen Kriterien und anderer Gewichtung. Der hier beschriebene Score gilt ausschließlich für die tiefe Venenthrombose des Beins und darf nicht mit dem LAE-Score verwechselt werden.

Kann man allein aus dem Score eine Diagnose stellen?

Nein. Der Wells-Score schätzt nur die Vortestwahrscheinlichkeit und legt fest, welche Untersuchung als Nächstes folgt. Die Diagnose oder der Ausschluss einer TVT erfolgt erst über D-Dimer und Kompressionssonografie, niemals über die Punktzahl allein.

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