Gesundheit

HEART-Score berechnen: Risikoeinschätzung bei Brustschmerz (mit Beispiel)

6 Min. Lesezeit

Der HEART-Score schätzt das Risiko eines Patienten mit Brustschmerz, innerhalb der nächsten sechs Wochen ein schwerwiegendes kardiales Ereignis (MACE, major adverse cardiac event) zu erleiden. Bewertet werden fünf Kriterien, Anamnese, EKG, Alter, Risikofaktoren und Troponin, jedes mit 0, 1 oder 2 Punkten, macht in Summe 0 bis 10. Die Gesamtpunktzahl entscheidet in der Notaufnahme mit darüber, ob ein Patient nach Hause geht, zur Beobachtung bleibt oder eine frühzeitige invasive Abklärung braucht.

Die fünf Kriterien im Überblick

Kriterium0 Punkte1 Punkt2 Punkte
Anamnese (History)wenig verdächtigmäßig verdächtighochverdächtig
EKGunauffälligunspezifische Repolarisationsstörungsignifikante ST-Streckenveränderung
Alterunter 45 Jahre45 bis 64 Jahre65 Jahre oder älter
Risikofaktorenkeine bekannt1 bis 2 Faktoren3 oder mehr Faktoren, oder bekannte Atherosklerose
Troponinim Normbereich1- bis 3-fach über der oberen Normgrenzemehr als 3-fach über der oberen Normgrenze

Was hinter den einzelnen Zeilen steckt

Bei der Anamnese geht es nicht darum, ob überhaupt Schmerz vorliegt, sondern wie sehr das Beschwerdebild an ein akutes Koronarsyndrom erinnert. Ein retrosternaler Druck, der in Arm oder Kiefer ausstrahlt, unter Belastung auftritt und mit Schweißausbruch einhergeht, gilt als hochverdächtig und bringt 2 Punkte. Ein scharfer, atemabhängiger oder durch Druck auf den Brustkorb reproduzierbarer Schmerz spricht dagegen eher gegen eine kardiale Ursache und wird mit 0 Punkten bewertet.

Beim EKG zählen unspezifische Repolarisationsstörungen 1 Punkt, echte ST-Streckenveränderungen 2 Punkte. Ein Linksschenkelblock, ein Schrittmacherrhythmus oder ein Digitaliseffekt lassen sich auf dieser Kriteriumszeile nicht zuverlässig einordnen, hier verlässt man sich auf die übrigen vier Kriterien und die klinische Einschätzung, statt das EKG-Feld zu erzwingen.

Bei den Risikofaktoren zählen Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes, Adipositas (BMI über 30), aktuelles Rauchen oder ein Rauchstopp vor weniger als drei Monaten sowie eine familiäre Vorbelastung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer bereits eine bekannte atherosklerotische Erkrankung hat, also einen früheren Infarkt, eine PCI, eine Bypass-OP, einen Schlaganfall, eine TIA oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit, bekommt für diese Zeile automatisch die vollen 2 Punkte, unabhängig davon, wie viele der übrigen Faktoren zusätzlich vorliegen.

Rechenbeispiel: 58-jähriger Mann mit typischem Beschwerdebild

Ein 58-jähriger Mann kommt mit seit zwei Stunden bestehendem, drückendem retrosternalem Schmerz, der in den linken Arm ausstrahlt, begleitet von Schweißausbruch. Er hat Bluthochdruck, einen Typ-2-Diabetes und raucht aktuell, macht drei Risikofaktoren. Das EKG zeigt eine unspezifische T-Wellen-Abflachung. Das Troponin liegt beim 2-fachen der oberen Normgrenze.

KriteriumBefundPunkte
Anamnesehochverdächtig (Druckschmerz, Ausstrahlung, Schweiß)2
EKGunspezifische T-Wellen-Abflachung1
Alter58 Jahre1
RisikofaktorenHypertonie, Diabetes, Raucher (3 Faktoren)2
Troponin2-fach über der Normgrenze1
Gesamt7

Sieben Punkte kippen den Fall von der mittleren in die hohe Risikokategorie (7 bis 10). Das spricht für eine frühzeitige invasive Abklärung mit kardiologischer Einbindung, statt für die klassische Strategie aus zweiter Troponin-Kontrolle und Beobachtung.

Zum Vergleich ein niedrigriskanter Fall: Eine 32-jährige Patientin kommt mit atypischem, gut lokalisierbarem Brustwandschmerz, der sich durch Druck auf die betroffene Stelle reproduzieren lässt. Das EKG ist unauffällig, es liegen keine Risikofaktoren vor, und das Troponin liegt im Normbereich. Jedes Kriterium bekommt 0 Punkte, macht in Summe 0. Viele Notaufnahmen unterstützen bei einem solchen Ergebnis eine frühzeitige Entlassung ohne stationäre Aufnahme.

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Anamnese
EKG
Alter
Risikofaktoren
Troponin
HEART-Score
0 / 10
Dieser Rechner dient nur als Bildungsreferenz. Er ersetzt weder das klinische Urteil noch einen Thoraxschmerz-Pfad. Der HEART-Score leitet die Disposition, nicht die Diagnose, und setzt ein einzelnes Troponin bei Vorstellung voraus; lokale Protokolle können serielle Troponine hinzufügen oder den HEART Pathway nutzen. Deuten Sie den Wert im gesamten klinischen Kontext.
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Risikostufen und Sechs-Wochen-Risiko

HEART-ScoreRisikostufeMACE-Risiko in 6 Wochen
0 bis 3Niedrigetwa 0,9 bis 1,7 %
4 bis 6Mitteletwa 12 bis 16,6 %
7 bis 10Hochetwa 50 bis 65 %

In der Praxis hat sich für die niedrige Risikostufe ein eigener Ablauf etabliert, der als HEART-Pathway bekannt ist: Ein Score von 0 bis 3 zusammen mit einem einzigen unauffälligen Ersttroponin reicht in vielen Notaufnahmen aus, um auf eine serielle Troponin-Kontrolle oder eine Belastungsuntersuchung zu verzichten und den Patienten früh zu entlassen.

Häufige Fehler bei der Anwendung

Der verbreitetste Fehler betrifft die Risikofaktoren-Zeile bei Patienten mit bereits bekannter Atherosklerose: Wer einen früheren Infarkt oder einen Stent in der Vorgeschichte hat, bekommt hier automatisch die vollen 2 Punkte. Es ist nicht nötig, zusätzlich noch Bluthochdruck oder Diabetes einzeln durchzuzählen, die 2 Punkte stehen unabhängig davon fest.

Zweitens wird die EKG-Zeile gelegentlich bei einem Schrittmacherrhythmus oder einem Linksschenkelblock trotzdem ausgefüllt, obwohl sich die ST-Streckenveränderungen, auf die dieses Kriterium abzielt, dort gar nicht zuverlässig beurteilen lassen. In solchen Fällen stützt sich die Einschätzung stärker auf die anderen vier Kriterien.

Drittens ersetzt der HEART-Score nicht den Ausschluss eines ST-Hebungsinfarkts. Er kommt erst zum Einsatz, nachdem ein akuter STEMI oder eine andere instabile Situation bereits ausgeschlossen wurde, und beantwortet dann die Frage nach dem Risiko über die nächsten sechs Wochen, nicht die Frage, ob der Patient jetzt sofort ins Herzkatheterlabor muss.

Viertens wird der Troponin-Verlauf manchmal übersehen. In den Score fließt zunächst ein einzelner Wert ein, aber ein deutlich ansteigendes zweites Troponin bei einem Grenzfall sollte das Management auf eine höhere Risikostufe heben, selbst wenn die reine Punktesumme das nicht widerspiegelt.

Häufig gestellte Fragen

Wofür stehen die fünf Buchstaben von HEART?

History (Anamnese), ECG (EKG), Age (Alter), Risk factors (Risikofaktoren) und Troponin. Jedes Kriterium bringt 0, 1 oder 2 Punkte, macht in Summe 0 bis 10.

Ab welchem HEART-Score gilt ein Patient als niedrigriskant?

Ein Score von 0 bis 3 gilt als niedrigriskant, mit einem Sechs-Wochen-MACE-Risiko von etwa 0,9 bis 1,7 %. In Kombination mit einem unauffälligen Ersttroponin nutzen viele Kliniken dieses Ergebnis, um eine frühzeitige Entlassung ohne weitere serielle Tests zu rechtfertigen.

Bedeutet ein hoher HEART-Score, dass gerade ein Herzinfarkt passiert?

Nicht zwangsläufig. Ein hoher Score (7 bis 10) sagt aus, dass das Risiko über die nächsten sechs Wochen hoch ist, gepoolt etwa 50 bis 65 %. Das führt in der Regel zu stationärer Aufnahme und einer frühzeitigen invasiven Abklärung, aber nicht automatisch zur sofortigen Herzkatheteruntersuchung.

Kann der HEART-Score einen Troponin-Test ersetzen?

Nein. Troponin ist eines der fünf Eingangskriterien, der Score hängt also bereits direkt von diesem Wert ab. Viele Behandlungspfade sehen zusätzlich ein zweites, serielles Troponin vor, bevor eine endgültige Entlassungsentscheidung getroffen wird.

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