Wie der CHA2DS2-VASc-Score funktioniert: Punkte, Risiko und Beispiel
Der CHA2DS2-VASc-Score schätzt das jährliche Schlaganfallrisiko bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern. Er reicht von 0 bis 9 Punkten, und je höher der Wert, desto höher das Risiko einer Thromboembolie. Ein junger Mann ohne Vorerkrankungen liegt bei 0 (rund 0,2 % pro Jahr), eine ältere Patientin mit mehreren Risikofaktoren kann problemlos 5 oder 6 erreichen (7 bis 10 % pro Jahr). Aus dieser einen Zahl leitet sich ab, ob eine orale Antikoagulation empfohlen wird.
Das Rechnen selbst dauert eine Minute. Spannend ist, was hinter den Buchstaben steckt, warum manche Faktoren doppelt zählen und wo der Score typischerweise falsch angewendet wird. Genau das klärt dieser Artikel, mit Beispielrechnung und Risiko-Tabelle zum Nachschlagen.
Wofür die Buchstaben stehen
Das Akronym CHA2DS2-VASc kodiert acht Risikofaktoren. Die hochgestellten Zweien (A2 und S2) markieren die Faktoren, die zwei Punkte statt einem geben.
| Buchstabe | Risikofaktor | Punkte |
|---|---|---|
| C | Herzinsuffizienz oder linksventrikuläre Dysfunktion | 1 |
| H | Hypertonie (arterieller Bluthochdruck) | 1 |
| A2 | Alter ≥ 75 Jahre | 2 |
| D | Diabetes mellitus | 1 |
| S2 | Früherer Schlaganfall, TIA oder Thromboembolie | 2 |
| V | Gefäßerkrankung (früherer Herzinfarkt, pAVK, Aortenplaque) | 1 |
| A | Alter 65 bis 74 Jahre | 1 |
| Sc | Weibliches Geschlecht (Sex category) | 1 |
Wichtig: Das Alter wird nur einmal gewertet. Wer 75 oder älter ist, bekommt die zwei Punkte aus A2 und nicht zusätzlich den Alterspunkt für 65 bis 74. Die beiden Altersbänder schließen sich gegenseitig aus. Deshalb liegt das rechnerische Maximum bei 9 und nicht bei 10 Punkten, obwohl die Einzelpunkte addiert scheinbar mehr ergäben.
Warum ein früherer Schlaganfall doppelt zählt
Zwei Faktoren wiegen schwerer als die anderen: ein hohes Alter (≥ 75) und ein bereits durchgemachtes zerebrovaskuläres Ereignis. Beide geben zwei Punkte, weil sie in den zugrunde liegenden Kohorten das Rezidivrisiko am stärksten erhöht haben.
Ein früherer Schlaganfall, eine transitorische ischämische Attacke (TIA) oder eine systemische Thromboembolie sind die deutlichsten Vorboten eines weiteren Ereignisses. Wer schon einmal betroffen war, hat statistisch das mit Abstand höchste Rückfallrisiko, unabhängig davon, wie viele andere Faktoren vorliegen. Genau diese Gewichtung ist der Hauptunterschied zum älteren CHADS2-Score und der Grund, warum S2 mit zwei Punkten in das Akronym eingeht.
Auch das hohe Alter erhält aus einem ähnlichen Grund zwei Punkte: Ab 75 Jahren steigt das Thromboembolierisiko in den Kohorten deutlich steiler an als im Band zwischen 65 und 74. Die übrigen Faktoren (Herzinsuffizienz, Hypertonie, Diabetes, Gefäßerkrankung und weibliches Geschlecht) erhöhen das Risiko messbar, aber jeweils in geringerem Ausmaß, und tragen deshalb nur einen Punkt bei. Diese abgestufte Gewichtung macht den Score genauer als eine einfache Zählung der Risikofaktoren.
Beispielrechnung Schritt für Schritt
Nehmen wir eine 68-jährige Frau mit arterieller Hypertonie und Typ-2-Diabetes. Sie hatte keinen früheren Schlaganfall, keine Herzinsuffizienz und keine bekannte Gefäßerkrankung.
| Faktor | Trifft zu? | Punkte |
|---|---|---|
| C Herzinsuffizienz | nein | 0 |
| H Hypertonie | ja | 1 |
| A2 Alter ≥ 75 | nein (68) | 0 |
| D Diabetes | ja | 1 |
| S2 früherer Schlaganfall/TIA | nein | 0 |
| V Gefäßerkrankung | nein | 0 |
| A Alter 65 bis 74 | ja (68) | 1 |
| Sc weibliches Geschlecht | ja | 1 |
| Gesamt | 4 |
Der Score beträgt 4. Das entspricht einem jährlichen Schlaganfallrisiko von rund 4,8 %. Bei diesem Wert wird eine orale Antikoagulation empfohlen. Man beachte, dass ihr Alter genau einmal eingeht: Mit 68 fällt sie in das Band 65 bis 74 und erhält dort einen Punkt, nicht die zwei Punkte für A2.
Mit eigenen Werten berechnen
Risiko nach Punktzahl
Die folgende Tabelle ordnet jedem Score das ungefähre jährliche Risiko für einen Schlaganfall oder eine systemische Thromboembolie zu. Die Werte stammen aus validierten Kohorten und dienen der Orientierung.
| Score | Jährliches Risiko |
|---|---|
| 0 | 0,2 % |
| 1 | 0,6 % |
| 2 | 2,2 % |
| 3 | 3,2 % |
| 4 | 4,8 % |
| 5 | 7,2 % |
| 6 | 9,7 % |
| 7 | 11,2 % |
| 8 | 10,8 % |
| 9 | 12,2 % |
Dass der Wert bei Score 8 leicht unter dem bei Score 7 liegt, ist kein Rechenfehler, sondern Folge kleiner Fallzahlen in den höchsten Punktgruppen. Der Trend über die gesamte Skala ist eindeutig: Je höher der Score, desto höher das Risiko.
Wann eine Antikoagulation empfohlen wird
Die Behandlungslogik richtet sich in den gängigen Leitlinien (etwa der ESC) nach dem Score und dem Geschlecht. Als grobe Orientierung gilt:
- Mann mit 0 Punkten oder Frau mit 1 Punkt (nur der Geschlechtspunkt): keine Antikoagulation.
- Mann mit 1 Punkt oder Frau mit 2 Punkten: Antikoagulation erwägen, abhängig vom individuellen Profil.
- Mann mit ≥ 2 Punkten oder Frau mit ≥ 3 Punkten: orale Antikoagulation empfohlen.
Der Grund für die geschlechtsabhängige Schwelle: Das weibliche Geschlecht ist nur dann ein relevanter Risikofaktor, wenn mindestens ein weiterer Faktor vorliegt. Ein Punkt allein aus dem Geschlecht rechtfertigt keine Antikoagulation.
Disclaimer: Dieser Artikel ersetzt keine klinische Beurteilung. Die tatsächliche Therapieentscheidung berücksichtigt neben dem Score auch das Blutungsrisiko, Begleiterkrankungen und die Präferenz der betroffenen Person und gehört in ärztliche Hand.
Häufige Fehler bei der Anwendung
- Den Geschlechtspunkt allein werten. Eine Frau mit Score 1, bei der die Punktzahl ausschließlich aus dem weiblichen Geschlecht stammt, gilt als Niedrigrisiko. Der Punkt zählt nie für sich allein.
- Das Alter doppelt zählen. Wer 75 oder älter ist, bekommt die zwei Punkte aus A2 und nicht zusätzlich den Punkt für 65 bis 74. Die Altersbänder schließen sich aus, das Maximum bleibt 9.
- Den Score mit CHADS2 verwechseln. CHADS2 ist der ältere, gröbere Vorgänger mit weniger Faktoren. CHA2DS2-VASc ergänzt Gefäßerkrankung, Geschlecht und das jüngere Altersband und trennt Niedrigrisiko-Patienten zuverlässiger.
- Den Score mit HAS-BLED verwechseln. HAS-BLED schätzt nicht das Schlaganfall-, sondern das Blutungsrisiko unter Antikoagulation. Beide Scores ergänzen sich, messen aber Gegensätzliches.
- Ihn bei valvulärem Vorhofflimmern anwenden. Bei einer mechanischen Herzklappe oder einer mittelschweren bis schweren Mitralstenose wird unabhängig vom Score antikoaguliert. Der CHA2DS2-VASc-Score gilt nur für nicht-valvuläres Vorhofflimmern.
Häufige Fragen
Welcher CHA2DS2-VASc-Score gilt als normal oder sicher?
Ein Score von 0 bei Männern und von 1 bei Frauen (wenn der Punkt nur aus dem Geschlecht stammt) gilt als Niedrigrisiko und rechtfertigt in der Regel keine Antikoagulation. Das jährliche Risiko liegt hier bei etwa 0,2 bis 0,6 %. Es gibt keinen Score, der ein Nullrisiko garantiert, aber diese Werte sind die günstigsten.
Ab wann sollte eine Antikoagulation beginnen?
Als grobe Orientierung wird eine orale Antikoagulation ab einem Score von 2 bei Männern und ab 3 bei Frauen empfohlen. Bei einem Punkt (Mann) beziehungsweise zwei Punkten (Frau) kann sie erwogen werden. Die endgültige Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der Arzt unter Abwägung des Blutungsrisikos.
Was ist der höchste mögliche Score?
Das Maximum liegt bei 9 Punkten, nicht bei 10. Der Grund ist, dass sich die beiden Altersbänder (65 bis 74 mit einem Punkt und ≥ 75 mit zwei Punkten) gegenseitig ausschließen. Das Alter wird immer nur einmal gewertet.
Was ist der Unterschied zwischen CHA2DS2-VASc und CHADS2?
CHADS2 ist der ältere und gröbere Score mit weniger Risikofaktoren. CHA2DS2-VASc erweitert ihn um Gefäßerkrankung, weibliches Geschlecht und ein zusätzliches Altersband (65 bis 74). Dadurch trennt er Niedrigrisiko-Patienten genauer und hat CHADS2 in den meisten Leitlinien abgelöst.